Januar 2021: Jugendunruhen in Tunesien

Aktuelle Informationen zur Sicherheit in Tunesien
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Rolf
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Januar 2021: Jugendunruhen in Tunesien

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Hauptsächlich Jugendliche rotten sich seit zwei Tagen abends und nachts zusammen, stecken Autoreifen in Brand und versuchen, Geschäfte, Gedlautomaten und Banken zu plündern. Die Polizei versucht die Taten durch das Verschießen von Tränengas zu verhindern, die Jugendlichen antworten mit Steinwürfen und Feuerwerkskörpern und setzen Fahrzeuge und Gebäude in Brand, heute abend z.B. die Polizeistation am "Kamelmarkt" Souk Lahad in Sousse.

Heute abend werden Vorfälle gemeldet aus: Tunis, Hammam Lif, Sousse, Monastir, Siliana, Kairouan, Kef, Kasserine, Hammamet, Bizerte, Sidi Hassine, Tebourba und weiteren Regionen.

Jeder rätselt derzeit darüber, wer zu diesen Aktionen anstiftet und sie koordiniert bzw. wer in diesen Zeiten Interesse daran hat, das Land zu destabilisieren.

Die Unruhen begannen am 10.Jahrestag des Erfolges des Aufstandes in Tunesien, am 14.Januar 2011 hatte der damalige Präsident Ben Ali das Land Tunesien verlassen. Doch schon vorher hatte es in Tunesien vereinzelte Proteste, die mit sozialen Forderungen verbunden waren, gegeben.
In einer jüngsten Umfrage hatten 59% der Tunesier angegeben, daß es Tunesien zu Ben Ali-Zeiten besser besser gegangen war; 77% erkärten, daß die Politik ein Hindernis für den "positiven Ausgang der Revolution" darstelle, und 84% halten die politische Elite und die Regierungen seit 2011 für verantwortlich für den jetzigen desolaten Zustand (Wirtschaft, Soziales, Finanzen, Gesundheit etc.) Tunesiens.

Ein weiteres Ereignis, die mit den Unruhen im Zusammenhang stehen könnte, wäre die Aufkündigung des Bündnisses der islamischen Parteien EnNahda und AlKarama durch die letztere vor 2 Tagen. AlKarama (Würde) war gegründet worden als Antwort auf den Beschluß der Partei EnNahda, den militanten Islamismus aufzugeben und hatte bei der letzten Wahl etwa 6% der Stimmen enthalten. Es folgte eine Koalition mit der Partei EnNahda. Die Partei fordert u.a. die Aufnahme der Scharia in die Verfassung Tunesiens, sie ist für die Todesstrafe, gegen die Legalisierung von Homosexualität und Gleichheit von Mann und Frau im Erbrecht.

Dann gab es noch (wieder) unangemessene Polizeigewalt, diesmal gegenüber einem Schäfer vor wenigen Tagen, mit dem sich darauf hin viele solidarisierten und zu Protesten aufriefen.

Und schließlich werden wieder einmal Minister ausgetauscht, diesmal gleich 11, darunter auch der Innen- und der Justizminister. Einem böswilligen Beobachter könnte es fast so erscheinen, als ob wieder einmal ein "Wachwechsel an den Futtertrögen" anstünde, so daß neue Leute den Staat für sich nutzen können. Im Parlament befinden sich derweil seit fast einer Woche Abgeordnete im Hungerstreik (der aus Protest gegen die Partei AlKarama stattfindet), von denen sich mittlerweile einige in Lebensgefahr befinden.
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Rolf
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Re: Januar 2021: Jugendunruhen in Tunesien

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Heute, 17.Januar, setzen sich am dem Nachmittag am vierten Tag in Folge die Unruhen fort, beispielsweise in Beja, Bizerte, Kasserine, Gafsa, Tunis, Sousse und bei Monastir.
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Rolf
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Re: Januar 2021: Jugendunruhen in Tunesien

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Gestern wurden von der Polizei etwa 630 Randalierer/Demonstranten festgenommen. Für ihre Freilassung protestierten heute in Tunis hauptsächlich Jugendliche. Die Polizei attackierte die (friedlichen) Demonstraten und nahm einige von ihnen fest. Einige Rechtsanwälte und Aktivisten fordern die Freilassung der heute Festgenommenen.

Seit dem Abend kommt es nun wieder zu Unruhen wie in den Tagen zuvor, heute u.a. in Tunis, Sidi Bouzid, Sfax, Kasserine und Sousse.


Die tunesische Gewerkschaft UGTT erklärte in einer Pressemitteilung am heutigen Tage, daß der Ärger der tunesischen Jugendlichen, ermüdet durch Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungleicheit, nach so vielen Jahren der Verwirrung und Fehlschläge, legitimiert sei.
Sie hob hervor, daß es das Recht der Jugendlichen sei, friedlich zu demonstrieren und rief diese dazu auf, nicht länger nachts zu protestieren und Gewalt, Plünderungen und Vandalismus zu vermeiden.
Die Gewerkschaft wies weiter darauf hin, daß sie vor der Gefahr sozialer Explosionen gewarnt hatten. Diese seien das Ergebnis der Unfähigkeit der Regierenden seit 2011, effektive und angemessene Lösungen für die Jugendlichen zu finden. Die Regierenden hätten die Armut vergrößert, um eine Minderheit reicher zu machem, die sich Privilegien gesichert hat.
Walter
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Tunesien-Nacht-Unruhen: Ein Putschversuch gegen den Präsidenten?

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Verschiedene Mitglieder der Regierung behaupten das die Jugendlichen, die seit geraumer Zeit randalieren,
für ihre unrechtmäßigen Aktionen bezahlt werden.
Die Mehrheit der Randalierer die bei Zusammenstößen mit der Polizei festgenommen wurden, waren Minderjährige
im Alter von 12 bis 15 Jahren.

Mitglieder islamistischer Strömungen riefen am 17.01.2021 dazu auf, Präsident Kais Saied aufzufordern,
diese unrechtmäßigen Aktionen zu verurteilen, um ihn implizit zu beschuldigen, hinter
dem zu stehen, was in den letzten drei Tagen im Land geschehen ist.
Abgeordnete lassen verlauten, dass nur die Ennahdha ein Interesse daran hat das Staatsoberhaupt anzugreifen.
Denn im Falle der Entlassung des derzeitigen Staatsoberhauptes wird Rached Ghannouchi das Amt gemäß der
Verfassung übernehmen. Auf diese Weise kann die Ennahdha-Partei ihren Führer loswerden, indem sie ihm den
Posten des Präsidenten der Republik und damit einen würdigen Abgang anbietet.
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Rolf
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Re: Januar 2021: Jugendunruhen in Tunesien

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Am heutigen Tage betreiben die tunesischen Sicherheitskräfte Vorsorge: In einigen Gebieten, in denen die abendlichen Unruhen stattfinden, wurden im Laufe des Tages massiv Polizisten und Soldaten plaziert. Dies scheint die Protestierer/Randalierer zu beeindrucken, da weniger Vorfälle als gestern gemeldet werden.

Oder vielleicht geht auch denen, die hinter den Unruhen stehen, das Geld aus. Alleine für die Feuerwerkskörper, von denen täglich tunesienweit tausende abgebrannt werden, für den Transport von Autoreifen, die abends angezündet werden, an die "richtigen" Stellen und für den von Wurfgeschossen und Molotov-Cocktails müssen ganz erhebliche Summen aufgebracht werden - denn daß die Jugendlichen das alles selbst finanzieren, ist wohl mehr als unwahrscheinlich...
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Rolf
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Re: Januar 2021: Jugendunruhen in Tunesien

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In einigen Städten kam es heute tagsüber zu Demonstrationen gegen die Regierung. Im Westen Tunesiens sorgte zudem ein Zwischenfall von gestern abend für Unwillen in der Bevölkerung: ein Jugendicher, der sich, ohne zu demonstrieren, vor seinem Haus aufgehalten hatte, war von einer Gasgranate schwer verletzt worden.

Am Nachmittag und Abend blieb es weitgehend ruhig, auch wenn es in verschiedenen Regionen erneut zu Demonstrationen kam.


Der tunesische Verteidigungsminister berichtete heute im Parlament, daß die Armee Hinweise darauf habe, daß die Unruhen durch Tafiristen angestachelt und tätlich unterstützt werden.
Takfirist (wörtlich: Exkommunizierer, also eine Person, die andere Muslime des Abfalls vom Glauben bezichtigt. Takfiristen lehnen es u.a. auch ab, daß ein Muslim einem weltlichen Staatsführer in Angelegenheiten folgt, die nicht der Scharia widersprechen) ist die tunesische Wortwahl für das, was in Europa "Islamist" oder "islamischer Extremist" genannt wird.