Reisebericht Tunesien Dezember 2016

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Rolf
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Reisebericht Tunesien Dezember 2016

Ungelesener Beitrag von Rolf » Dienstag 5. Juni 2018, 23:55

Diejenigen, die nach dem Aufstand auf dem Flughafen Enfidha gelandet oder von dort gestartet sind, die wissen ja meist Bescheid - doch selbst da mag noch ein Unterschied bestehen zum Dezember 2016...

Enfidha, der Flughafen, der zwischen den Bevölkerungszentren Hammamet/Nabeul und Sousse/Monastir gelegen ist, sollte einst der größte Flughafen in Nordafrika werden. Dazu sollte noch ein Tiefsee- und Kreuzfahrthafen kommen. So weit die Theorie.

Was Enfidha jedoch ist, das steht auf einem anderen Blatt. Gelegen ist der Flughafen mitten in einer schier endlosen Sumpfebene (die man dann erkennt, wenn es geregnet hat), weitab von jeder menschlichen Behausung (einmal von Ort Enfidha selbst, etwa 10km entfernt, abgesehen) und angebunden durch eine pompöse Spange zur Autobahn.

Das Flughafengebäude selbst ist, von der Abflughalle abgesehen, erstaunlich klein (irgendwie kam mir das Wort "Saarbrücken" in den Kopf) und wenn man einmal hingeht, wenn keine Passagiere dort sind, dann wirkt das Ganze surreal wie aus einer anderen Welt, wie ein etwas größeres UFO, das auf einer weiten, flachen Fläche gelandet ist und in dem die Passagiere aus Depression schon verstorben sind. Der Sinn der riesigen Parkplätze erschließt sich auf den ersten Blick nicht, nur eine Handvoll Autos verlieren sich darauf. Kein Bus, kein Taxi, kein Nichts befindet vor dem Flughafen, und wenn man hineingeht, dann setzt sich das Nichts drinnen fort. Kein geöffnetes Geschäft, keine geöffnete Bank, 1 geöffnetes Cafe und hier und da sich langweilende Reinigungskräfte und Polizisten. Mir wird auf Nachfrage an der (besetzten!) Information erklärt, daß nur dann, wenn Flugzeuge landen oder starten, überhaupt irgendetwas geöffnet hat oder zur Verfügung steht, und das wäre im Moment Freitags und Samstags der Fall.

Rückblick: Bei der Landung an einem Samstag am frühen Nachmittag waren alle Geschäfte geschlossen, alle Banken geschlossen, am Taxistand waren 2 Touristentaxis zu sehen (das sind die weißen, die bezirksübergreifend fahren dürfen, die gelben dürfen das nicht) und ansonsten nur 5 Touristenbusse (Transferbusse von Reisegesellschaften).

Vorausblick: Beim Start an einem Samstag morgen waren alle Geschäfte geschlossen, eine (1) Bank hatte geöffnet, keine Taxis am Taxistand und 2 Touristenbusse.

Ich bin dann noch dem sagenhaften Mythos Busverbindung (oder gar Sammeltaxi) nach Sousse oder Hammamet, die einige Reisende gesehen haben wollen, nachgegangen. Im Dezember 2016 jedenfalls gab es eine solche Busverbindung NICHT (keine Haltestelle, kein Fahrplan), obwohl ich für einen Moment einen Linienbus auf dem Gelände herumkurven sah. Da habe ich sicherheitshalber auch noch einmal nachgefragt und mir wurde gesagt, daß es einen Bus gäbe, der zum Dorf Enfidha fährt und da könne man dann umsteigen in das Sammeltaxi nach Sousse oder Hammamet. Wann die Busse nach Enfidha fahren (sicherlich nicht nachts), danach habe ich leider nicht mehr gefragt, doch in etwas über einer Stunde habe ich nur 1 Bus gesehen.

Also zumindest derzeit gibt es definitiv keine Busverbindung in die Touristengebiete. Das heißt, das jemand, der in Enfidha landet und keinen Flughafentransfer gebucht hat, da gestrandet ist. Er hat nur die Möglichkeit, ein Taxi zu nehmen (wenn denn eines da ist, da muß man sich schon beeilen) und dafür Mondpreise zu zahlen - der am Taxihalt angeschriebene Preis ist ebenso hoch, wie ein Transfer per Mietwagen mit Fahrer.

Deshalb meine Empfehlung als Individualreisender: Gönnen Sie sich den Luxus, sich von einem Mietwagen mit Chauffeur vom Flughafen abholen zu lassen und sich damit noch individuell einen ganzen Tag herumfahren zu lassen (1 Tag Miete) ... das kostet nur wenig mehr, als nur die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel allein (Sousse, Kantaoui, Hammamet, besonders aber Monastir oder Mahdia). Alternativ kann man natürlich auf den Linienbus nach Enfidha warten und dort Umsteigen ins Sammeltaxi, was wesentlich preisgünstiger ist, doch auch wesentlich beschwerlicher und länger dauert (sagen wir einmal, 2-3 Stunden).

Was gibt es sonst noch über den wohl trostlosesten Großflughafen zu sagen? Nichts wirklich, es ist ein Flughafen, nicht mehr und nicht weniger. Mit einem Zollfreigeschäft (das sogar geöffnet hatte). Mit Durchleuchtungsgeräten. Mit Gepäckband. Mit diversen Schaltern und Gängen. Mit einer Start/Landebahn, die zum Meer hin bzw. davon weg führt (ca. 100m), entweder beim Starten oder beim Landen kann man sich immerhin zumindest noch dem Gedanken hingeben, was wohl passiert, wenn der Pilot sich verschätzt. :)


Ach ja: Ich war auch am Flughafen Monastir: Parkplätze gut belegt, Flugzeuge auf dem Rollfeld, Passagiere vorhanden, Geschäfte geöffnet, 3 Minuten Fußweg zu Bus, Bahn und Sammeltaxi, gelbe Taxis vor dem Gebäude ... alles genau so, wie es dort immer schon gewesen ist ... (grübel) ...

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Rolf
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Re: Reisebericht Tunesien Dezember 2016

Ungelesener Beitrag von Rolf » Dienstag 5. Juni 2018, 23:55

Der Tourismus in Tunesien im Großraum Sousse (persönlicher Vergleich Dezember 2016 zu Ende 2010 vor dem Aufstand)

In meinen anderen Beiträgen, die zwischen heute und der Zeit vor 6 Jahren vergleichen, war der Tenor, daß sich über die Jahre hinweg kaum etwas, oder sogar gar nichts, verändert hat. Das sieht beim Tourismus allerdings anders aus.

Zwar ist der November, und noch mehr der Dezember (jedenfalls bis vor Weihnachten) traditionell eine Zeit, in der weniger Touristen Tunesien besucht haben und zwar ist der Großraum Sousse, im Gegensatz zu z.B. Djerba, nicht gerade für einen Ansturm von deutschen Winter-Langzeturlaubern bekannt, doch bis zum Aufstand fanden sich auch zu dieser Zeit noch immer eine gute Zahl Touristen in den Hotels ein.
Im Winter habe ich speziell bei Engländern sehr interessante Bekanntschaften gemacht. Da handelte es sich manchmal um Personen, die von Herbst bis zum Frühjahr zwischen Tunesien, Ägypten und Indien unterwegs waren und dementsprechend viel erzählen konnten.

Wie also sah es jetzt im Dezember 2016 aus?

In etwa 2 Wochen, in denen ich viele hundert Kilometer zu Fuß, mit dem Auto und mit Bus und Taxi unterwegs war, habe ich insgesamt vielleicht 100, oder, ich will großzügig sein, 200 WESTLICHE Touristen, denen man die Herkunft gleich ansehen konnte, gesehen. Aufgrund ihrer Sprache konnte ich die meisten als Deutsche identifizieren. Engländer dagegen habe ich genau 2 bemerkt, 3 Italiener und eine Handvoll Franzosen und keine Russen und keine Amerikaner und keine Chinesen oder Japaner.

Das soll aber nicht heißen, daß es in Tunesien keine Touristen gibt. Die gibt es nämlich zuhauf und sie sind in fast jedem Hotel zu finden. Es handelt sich dabei um Algerier in großer Menge, um Libyer in guter Menge und um ein paar Besucher aus den Golfstaaten incl. Saudi-Arabien (oftmals an den völlig verschleierten Frauen erkennbar).

Halten wir also noch einmal fest, daß, zumindest in den Gegenden von Sousse, Kantaoui und Monastir, die Zahl der westlichen Touristen gegen Null strebt, und zwar ganz energisch. Der Tourismus wird durchweg am Leben gehalten von urlaubenden Algeriern, die übrigens auch von algerischen Bussen zum Hotel gebracht und da abgeholt werden, sowie von meist männlichen jungen Libyern.
Das letztere gab es allerdings auch vor Jahren schon - Tunesien war (und ist noch) ein Land, im das libysche Männer fahren, um dort allen den Lastern nachzugehen, die im Heimatland verboten waren oder heute durch den Bürgerkrieg nicht mehr angeboten werden, meist im Winter und besonders im Frühjahr. Auf Djerba gibt es darüber hinaus auch viele libysche Flüchtlinge, auch nicht wenige Familien, die da das Ende des Bürgerkrieges abwarten woll(t)en, einige Hotels dort sind auch bereits in libyschen Besitz gewechselt.

Das hat natürlich gravierende Auswirkungen auf das Tourismusleben, auf die Tourismus-Atmosphäre, denn die allgemeine Sprache unter Touristen im Hotel ist nun arabisch und auch das Leben dort ist arabischer. Laute Unterhaltungen quer durch den Speisesaal und filmende Männer am Swimmingpool gehören da, wenigstens nach meiner Anschauung, zu den Normalitäten, und es gibt auch Begegnungen besonderer Art. Nachts traf ich zum Beispiel einmal auf dem wenig beleuchteten Hotelgelände zwei in "afghanischer" (oder "salafistischer") Kleidung umherspazierende vollbärtige Männer, die mich mit einem höflichen "Assalem aleikum" begrüßten, während sie sich (in arabisch) über ausländische Touristen im Hotel unterhielten. Nein, das waren definitiv keine "Terroristen" bei der Planung eines Anschlages auf das Hotel ... doch selbst als Westler, der viel erlebt hat und hart im Nehmen ist, kommt man da mitunter ins Grübeln.

Da während des Winters nur noch wenige Geschäfte in den Touristenbezirken offen haben, das war auch früher schon so - heuer ist es aber eher eine große Ausnahme, überhaupt noch etwas offen zu finden. Der Grund dafür ist allerdings sehr offensichtlich: mindestens 50% aller Hotels, die früher auch durch den Winter betrieben wurden, haben geschlossen - und wo Hotels gar nicht erst geöffnet haben, da lohnt sich auch für den geduldigsten Verkäufer das Warten auf etwaige Kunden nicht mehr.
Entland der Corniche in Sousse (also zwischen Riadh Palms-Hotel und dem Stadtzentrum, etwa 2km) haben, mit wenigen Ausnahme, fast alle Hotels geschlossen, und das augenscheinlich nicht erst seit ein paar Tagen. Lediglich die Hotels, die man früher die "arabischen" Hotels nannte (weil es auch früher dort schon viele arabische Gäste gab), haben geöffnet, wie z.B. die Justinia-Hotels. In Port El Kantaoui sieht es ebenso schlecht aus - in der nördlichen Hotelzone ist jedes zweite Haus geschlossen (an dem Hotel, in dem letzten Jahr der Anschlag stattgefunden hat, hat man sogar alle Namen entfernt). Katastrophal in Monastir: Fast die gesamt Hotelzone Skanes (am Flughafen entlang) ist geschlossen, nur sehr wenige ganz große Hotels haben noch geöffnet (z.B. das Rosa Beach).
Da wundert es dann noch weniger, daß es kaum Touristen auf den Straßen gibt und die Touristenzonen ab Beginn der Dunkelheit sozusagen vollständig "touristenbefreit" sind. Der Gerechtigkeit halber erwähne ich aber, daß an so einigen geschlossenen Häusern mehr oder weniger "gebaut" wird, so daß mit eier Wiedereröffnung im nächsten Jahr zumindest zu rechnen ist ... und daß es in Port El Kantaoui sogar einen Hotelneubau gibt, nämlich das Concorde Green Park Palace Ressort (links neben dem Marhaba Palace). Es handelt sich da um einen bombastischen quadratischen Klotz mit Zinnen und Türmen, und ich will nicht wissen, wieviele Flugzeuge wohl gebraucht werden, um mit den Passagiere das Hotel auch nur halb zu füllen. Jedenfalls sieht es insgesamt so aus, als
ob die Hoteleigentümer (von denen angeblich die Hälfte seit Jahren beständig rote Zahlen schreiben) noch nicht bereit sind, endgültig aufzugeben. Auf der anderen Seite haben sich aber auch bekannte Anbieter in den letzten Jahren vom Markt verabschiedet, wie Mövenpick (in Sousse, das Hotel wird nun von der Marhaba-Gesellschaft betrieben) oder die spanische Familie Riu.

Unter dem Strich steht also, daß der Tourismus, in jedem Fall der westliche, sichtlich ganz erheblich eingebrochen ist, sich die Hotellerie aber dennoch auf die nächste Saison vorbereitet. Wer dann kommen wird, das steht in den Sternen - Tunesien verfolgt irgendwie kein offensichtliches, verständliches Konzept und wirbt mal um chinesische Touristen, mal um russische, mal um türkische, um schwarzafrikanische, um algerische, um saudische und golfstaatliche und dann auch mal um europäische der US-amerikanische, ohne daß ich jedoch eine spezielle Ausrichtung der Tourismusindustrie auf die beworbenen Zielgruppen erkennen kann. Die Bemühungen erwecken den Eindruck, daß man ziellos im Dunklen stochert und jeder mal irgendetwas versuchen darf und will - ohne daß man große Gedanken an die Qualität oder Rentabilität verliert. Damit wird Tunesien nicht nur ein beliebiges Urlaubsziel, das sich nach wie vor auf "Sonne, Sand, billiger Urlaub" reduziert, sondern auch ein Urlaubsland, das noch nicht einmal eine bestimmte Zielgruppe im Auge hat.
Ob das für den westlichen Touristen kurz- oder mittelfristig anziehend bliebt oder wird, von der Sicherheitssituation jetzt einmal ganz abgesehen, daran habe ich ganz starke Zweifel.

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Re: Reisebericht Tunesien Dezember 2016

Ungelesener Beitrag von Rolf » Dienstag 5. Juni 2018, 23:56

Der Straßenverkehr in Tunesien (persönlicher Vergleich Dezember 2016 zu Ende 2010 vor dem Aufstand)

Beim Straßenverkehr, und hierzu zähle ich auch öffentliche Busse, Sammeltaxis, Lasttiere und Personen, ist in den letzten 6 Jahren eigentlich alles so geblieben, wie es damals war.

Die Infrastruktur hat allerdings weiteren Schaden genommen und der Zustand der Straßen ist, insgesamt betrachtet, schlechter geworden. Das bezieht sich in erster Linie auf die Straßenoberfläche, in der, mittlerweile selbst auf großen Überlandstraßen, durchaus Schlaglöcher von 5-10cm Tiefe vorkommen können. Die "Kamelrücken", Geschwindigkeitschwellen, die quer über die Straße verlaufen, haben deutlich zugenommen, sind aber, im Gegensatz zu früher, in der Hälfte der Fälle nicht mehr gekennzeichnet und scheinen zum Teil auch "wild" gebaut worden zu sein, ohne die übliche Form und Höhe zu haben. So wird das Überfahren von diesen Bodenschwellen zu einem ungewissen Abenteuer, bei dem man nie von vornherein abschätzen kann, welchen Einfluß auf das Auto sie haben werden. Doch noch wichtiger: welchen Einfuß sie auf das Auto, das vorausfährt, haben werden. Noch öfter als früher erfolgen jetzt Vollbremsungen, wenn ein Fahrer die Schwelle erkennt, um sie dann im Schritttempo (und manchmal im Kriechtempo) zu überqueren. Ich bin in gut 10 Jahren des Fahrens in Tunesien insgesamt weniger oft "gehüpft", weil ich eine Schwelle übersehen oder sie für niedriger gehalten hatte, als im Dezember innerhalb weniger Tage.
Und auch das Umgekehrte gibt es nun ab und zu: Bodenrinnen, sozusagen umgekehrte Kamelrücken. Die befinden sich offenbar in der Straße (auch auf Überlandstraßen), um, wenn es einmal regnet, das Wasser über die Straße zu führen - was manchmal gut klappt und manchmal weniger gut, weil sich Autofahrer nicht auf Anhieb trauen, eine wasserführende Rinne zu durchfahren.
Man sollte allerdings nicht glauben, daß dadurch die Straßen bei Regen nun wasserfrei wären - auch hier hat sich nämlich in den letzten 6 Jahren nichts geändert. Sobald es regnet, stehen so einige Straßen zumindest teilweise unter Wasser, und da man nicht weiß, ob sich unter dem Wasser Schlaglöcher oder Rinnen verbergen, oder gar ein Loch durch herausgedrückten Kanaldeckel, die sich davor noch durch Wasserfontänen bemerkbar machen, ist da bei den Fahrern nach wie vor eine große Vorsicht - oder Risikobereitschaft - vonnöten.

Zum Straßenverkehr selbst - nein, auch da hat sich nicht wirklich etwas geändert. Es wird auch weiterhin unter kreativer Auslegung (oder ohne Beachtung) der Verlehrsregeln gefahren. Allerdings hat sich die Anzahl der Zweiräder vergrößert. Noch nicht so schlimm wie z.B. in Asien, doch auf gutem Wege dorthin, bahnen sich Mengen von Motorrollern und mittlerweile auch einige Fahrräder ihren Weg, zusätzlich zu Autos, Lieferwagen, Eselgespannen, Omnibussen, und Schwerlastwagen ... und zu Fußgängern. Überhaupt: Fußgänger; die Gehwege entlang der Straßen sind, wenn es sie überhaupt gibt, in noch schlterem Zustand, als sie es einmal waren. Es kann passieren, daß in einer Straße jedes Haus und jedes Geschäft eine andere Bürgersteighöhe hat, als Fußgänger ist das ein ständiges Treppauf, Treppab, großer Schritt über Löcher oder Unrat und einen Exkurs über die Fahrbahn, wenn auf dem Bürgersteig Waren (Läden), Möbel (Cafes), Sperrmüll oder Fahrzeuge stehen und die gesamte Breite des Gehweges einnehmen. Für Gehbehinderte, Rollstuhl- und Rollatorfahrer sind die Bürgersteige Tunesiens, heute selbst in der Touristenzone, nicht nur schlecht, sondern rundweg gar nicht geeignet (Ausnahmen bestätigen nur die Regel).

Was Kontrollposten der Polizei angeht, und was man beim Fahren auf einer großen Überlandstraße erleben kann, dazu verweise ich auf den nächsten Teil des Berichtes.

Auch in Tunesien kann man mittlerweile leidlich mit Navigationsgeräten umgehen. Tests mit den Microsoft-Karten (der Standard bei Windows Phone) und der Sprachführung waren durchaus befriedigend, auch mit Google Maps (ohne Sprachführung) kommt man durchweg zum Ziel, man sollte aber ein gewisses Abstrahierungsvermögen besitzen und keinesfalls jedem Wort und jeder Karteneinzeichnung Glauben schenken. Keine Notwendigkeit also, zu einem Mietwagen ein Navigationsgerät hinzuzumieten (das kostet extra, und kennt auch nicht alles in Tunesien...) - mit dem normalen Smartphone kommt man im Normalfall gut aus.

Nicht geändert, sondern nach meinem Eindruck eher noch negativer, hat sich die Beleuchtungsmoral bei den Fahrzeugen in Tunesien. Nach wie vor begegnet man den üblichen Dingen, die es auch vor 6 Jahren schon gab: Fahrzeuge ohne Rücklicht bei Nacht, ohne Blinker (jederzeit und die Mehrzahl der Fahrzeuge), ohne oder mit 1 Bremslicht oder Abbendlicht, viele Zweiräder ganz ohne Licht (nicht nur bei Tag, sondern bei Nacht) und generell falsch eingestellte Scheinwerfer, was das Fahren bei Nacht und Regen zu einem ungewissen Abenteuer macht.

Insgesamt - im Gegensatz zu früher kann ich heute ernsthaft nur noch Personen, die Vor-Erfahrung beim Fahren in Tunesien oder in Ländern mit ähnlicher Verkehrstruktur- und gebaren habe, empfehlen, ein Auto zu mieten, um damit viel herumzufahren, ganz besonders zu Zeiten, in denen die Tage kurz (und die Nächte lang) sind und es hin und wieder regnet (bzw. schüttet). Wer es dennoch tut, der wird immerhin mit beinahe grenzenloser Fahr-Freiheit belohnt: Halten, wo man will, Fahren, wo die Räder Griff haben, Sicherheitsgurte nur auf den Vordersitzen (und nur auf Autobahnen), keine Kindersitze, soviele Passagiere, wie man ins Auto (oder auf die Ladefläche) bekommt, keine Helmpflicht bei Zweirädern, Abbiegen, wo man kann (nicht "darf"), häufigste Benutzung der Hupe, sofortige kreative Umgehung und Wegfindung bei Hindernissen auf dem Fahrweg, Gasgeben statt Bremsen, Benzinpreis knapp halb so teuer wie in Deutschland, und was es der Dinge so mehr gibt.
Daß Tunesien in Punkto Verkehrsunfälle pro Einwohner in der Spitzengruppe weltweit steht, das sollte jetzt auch keinen Leser mehr verwundern. :)

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Re: Reisebericht Tunesien Dezember 2016

Ungelesener Beitrag von Rolf » Dienstag 5. Juni 2018, 23:58

Die Sicherheitslage in Tunesien (persönlicher Vergleich Dezember 2016 zu Ende 2010 vor dem Aufstand)

Vorweg: Keine wesentliche Änderung gegenüber Ende 2010, lediglich im Detail.

Dort, wo früher die Polizei stand und vorbeifahrende Fahrzeuge anhielt, manchmal gar, um von ihnen, einen kleinen Wegezoll zu kassieren, steht heute immer noch die Polizei. Im Gegensatz zu früher jedoch mit Maschinenpistolen. Alle paar Kontrollpunkte gibt es zusätzlich ein Militärfahrzeug mit Soldaten, ebenfalls bewaffnet und alle paar Minuten fahren Polizisten im Auto, auf Motorrädern (meist ohne Sturzhelm), auf Quads und in Polizeilastwagen, sowie Militärfahrzeuge die Straße entlang (doch sie gehen niemals zu Fuß...). Die Botschaft von alledem ist klar: Wir passen auf, wir haben die Lage unter Kontrolle, alles ist sicher.

Nimmt man sich jedoch die Zeit, einen Polizeiposten eine zeitlang zu beobachten, dann denkt man anders darüber. Was ich gesehen habe, ist dies: Polizisten beschäftigen sich mit ihrem Telefon oder unterhalten sich mit zu Fuß oder per Auto vorbeikommenden Bekannten. Ab und zu wird ein Fahrzeug angehalten, wobei dies bevorzugt, nach meinem Eindruck sogar nur, bei welchen mit libyschem oder algerischen Autokennzeichen geschieht. Doch keiner derjenigen, die die Anschläge in Tunis und Sousse verübt haben, war Libyer oder Algerier. Wer also mit einem tunesischen Privatwagen oder Lieferwagen Waffen oder ähnliches befördern will, der hat eine gute Chance, das erfolgreich zu tun.
Selbst Leihwagen (Mietwagen), die durch ihre andersfarbigen (blauen) Kennzeichen weithin erkennbar sind, werden nicht sonderlich beachtet. Ich selbst wurde bei über 700 Straßenkilometern bei Tag und bei Nacht, in Großstädten und auf dem Land, nur ein einziges Mal zum Herzeigen meines Passes aufgefordert, und das auch nur, weil ich am Flughafen Enfidha an einem Polizeiposten angehalten hatte, um nach dem Weg zu fragen - an meinem Beifahrer war der Kontrolleur jedoch da nicht interessiert. Und angehalten wurde ich ansonsten niemals. Zwar wurden Leihwagen mit augenscheinlich europäischen Insassen auch früher nicht oft angehalten oder kurz-kontrolliert, doch immerhin noch wesentlich öfter, als es heute geschieht.

Insgesamt wird also ein ungeheurer Aufwand betrieben, um staatliche Sicherheitskräfte auf den Straßen zu präsentieren, und daß dies personell nicht aus der Substanz geschehen kann, das ist klar - entsprechend oft sieht man junge Männer, fast noch Kinder, die in Uniform mit Maschinenpistole/gewehr an den Kontrollstellen stehen. Und das dürfte auch eine Kehrseite dieser Politik darstellen, denn was die im Falle eines Falles tun werden, das ist keineswegs ausgemacht. Ich persönlich jedenfalls fühle mich eher von unsicheren und womöglich wenig ausgebildeten Polizisten oder Soldaten bedroht und in meiner Freiheit beeinträchtigt, als von irgendwelchen Terroristen, Schmugglern oder anderen bösen Buben. Denn auch das ist klar - als Tourist macht man sich schon seine Gedanken, wo man hergehen kann, wo man stehenbleiben und gucken kann, was man sich aus der Nähe anschauen und fotografieren darf, nicht weil da ein Terrorist stehen könnte, sondern weil man sich von der Polizei beobachtet fühlt. Den Eindruck hatte man damals, zu Ben Ali-Zeiten, zuweilen zwar ebenfalls, doch damals war man dabei jedenfalls nicht von Maschinengewehren und jungen Sicherheitskräften umgeben.

Ich kann es insofern nachvollziehen, daß z.B. England seine Reisewarnung für Tunesien nicht zurückziehen mag, weil es der Auffassung ist, daß die Anstrengungen Tunesiens für die Sicherheit nicht überzeugend oder rundweg befriedigend sind.

Auch früher schon standen vor vielen Hotels private Sicherheitsleute. Das hat sich nicht geändert, doch was sich geändert hat, das ist, daß an manchen Hotels mit Spiegeln unter Kraftfahrzeuge geschaut wird (zumindest so lange, wie der Fahrer noch nicht bekannt ist), doch auch, daß in einigen (wenigen) Hotels sogar beim Eintritt durch die Eingangstüre, so wie bei Flughäfen, die Gäste überprüft werden und auch ihre Bauchtaschen, Gürtel, Jacken, etc. durch eine Durchleuchtungseinheit gegeben und sie selbst mit einem Metalldetektor geprüft werden müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob dies bei vielen Gästen Urlaubsstimmung aufkommen läßt, doch noch weniger, ob das gegen eine Person oder eine Gruppe bewaffneter Angreifer helfen wird...

Dort, wo Polizisten womöglich sinnvoll wären, da habe ich jedenfalls keine gesehen. So zum Beispiel bei Fahrten zwischen Sousse und Kairouan. Da hatten, mitten auf der Strecke neben einer Reifenfirma, nämlich Streikende die Hauptstraße durch Reifen blockiert (die sie nachts anzündeten). Da es zwischen diesen Städten keine Alternativstrecke gibt, mußten sich die Fahrzeuge also einen Weg quer über Äcker und Wiesen, Feldwege und nicht auf Karten eingezeichnete Provinzsträßchen bahnen, und das um die 10km weit. Wohlgemerkt: Diese Straßenblockade dauerte nicht einen Tag, nein, weit gefehlt, sie dauerte einige Wochen lang, sollte heute allerdings wieder beendet sein.
Da war kein Polizist weit und breit zu sehen, auch keine Wegweiser, kein Umleitungsschild. Die Autofahrer (und Schwer-Lastwagenfahrer, Busfahrer, Taxifahrer) mußten, in der Mitte vom Nirgendwo, zusehen, wie sie selbst klarkamen. Schon merkwürdig, so etwas, auf einer Straße zwischen nicht unbedeutenden Städten und auf der mit Touristenverkehr zu rechnen ist.


Ansonsten - ich habe mich im Dezember 2016 niemals irgendwo unsicher, bedroht oder sonderlich belästigt gefühlt, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, nicht im Touristengebiet, nicht im (Sammel)taxi, und nicht in typisch "einheimischen" Gebieten. Die Lage ist genauso gut oder schlecht, wie sie es auch Ende 2010 gewesen ist und auch bei den "normalen" Belästigungen, dem Anbieten von Drogen, dem Versuch, Touristen in Geschäfte zu ziehen, dem Versuch, Touristen zu neppen, konnte ich keinen, absolut keinen, Unterschied zur Zeit vor 6 Jahren feststellen.

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