29.10. - Selbstmordanschlag auf Polizeiposten in Tunis

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29.10. - Selbstmordanschlag auf Polizeiposten in Tunis

Ungelesener Beitrag von Rolf » Montag 29. Oktober 2018, 14:51

Heute gegen 14:00 Uhr verübte eine Frau in Tunis auf der Avenue Habib Bourguiba bei einem Polizeiposten am Theater Municipal ein Selbstmord-Attentat mit Sprengstoff. Die Frau starb bei dem Anschlag. 9 weitere Personen, meist Polizisten, wurden bei dem Anschlag verletzt.

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Re: 29.10. - Selbstmordanschlag in Tunis

Ungelesener Beitrag von Rolf » Montag 29. Oktober 2018, 15:12

Im Gegensatz zur deutschen Presse (Welt Online: "schwere Explosion in Tunis" >Meldung wurde inzwischen gelöscht<, beim Spiegel noch reisserischer: "Tunis von schwerer Explosion erschüttert") sprechen Sicherheitskreise in Tunis nur von einem selbstgebastelten Sprengsatz mit niedriger Explosionskraft - was wohl auch zutreffend ist, denn auf den in den tunesischen Medien veröffentlichten Bildern ist die tote Attentäterin, auf dem Boden liegend mit Verletzungen augenscheinlich nur im Bereich des Unterleibs und der Oberschenkel, zu sehen, womöglich deutet dies auf die Verwendung eines Sprengstoffgürtels hin.

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Re: 29.10. - Selbstmordanschlag in Tunis

Ungelesener Beitrag von Rolf » Montag 29. Oktober 2018, 15:24

Bei der Attentäterin soll es sich um eine 30jährige ledige Frau aus dem Governorat Mahdia handeln, die in ihrer Gegend als Salafistin bekannt sei.

Ob noch weitere Personen an dem Anschlag beteiligt waren, wird derzeit von der Polizei geprüft. Angeblich sollen zwei weitere Frauen mit Sprengstoffgürteln gesehen worden sein.

Die Umgebung des Ortes des Attentates wurde großräumig gesperrt, ebenso Einkaufszentren in Tunis-Zentrum. Viele Polizisten sind im Einsatz.

Die Frauen waren Teilnehmerinnen einer Demonstration, die in dieser Gegend stattfand. Die Demonstration richtete sich gegen das Vorgehen der Polizei von vor einer Woche, als Einheiten von Polizei und Zoll ein Schmugglerdepot in Sidi Hassine Sijoumi (westlich des Sijoumi-Sees in Tunis) untersuchen wollten und dabei auf heftige Gegenwehr stießen. Nach einem Schuß in die Luft hatte die Polizei schließlich einen Schuß auf die Angreifer abgegeben und einer davon wurde durch einen Querschläger getötet.
An der Demonstration nahmen etwa 30 Personen teil. Von den Frauen verübte angeblich eine den Anschlag, fünf weitere und ein Mann wurden von der Polizei vorläufig festgenommen.

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Re: 29.10. - Selbstmordanschlag auf Polizeiposten in Tunis

Ungelesener Beitrag von Rolf » Montag 29. Oktober 2018, 22:36

Am Abend teilte das Innenministerium mit, daß bei dem Anschlag insgesamt 15 Personen verletzt worden seien, doch keine davon schwer.

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Re: 29.10. - Selbstmordanschlag auf Polizeiposten in Tunis

Ungelesener Beitrag von Rolf » Dienstag 30. Oktober 2018, 14:51

Am Tag nach dem Attentat wird von insgesamt 20 Verletzten gesprochen, davon 15 Polizisten. 13 der Verletzten befinden sich mit leichten bis mittelschweren Verletzungen noch im Krankenhaus.

Die Attentäterin hatte einen Universitätsabschluß in Wirtschaftsenglisch und arbeitete zuletzt in der Olivenernte. In ihrer Wohnung wurden religiöse Schriften und mehere Mobiltelefone gefunden. Die Eltern sagten aus, daß ihre Tochter zwar seit mehreren Jahren religiös sei, dies jedoch erst in letzter Zeit ein größeres Ausmaß angenommen und sie dann auch innerhalb der Familie zurückgezogen gelebt hatte.

In tunesischen Medien wurde spekuliert, ob das Attentat im Zusammenhang mit einer zur selben Stunde stattfindenden Parlaments-Anhörung des Innenministers stand. Hier geht es darum, daß im Innenministerium ein illegaler, paralleler, Sicherheitsapparat existieren soll, der von der religiösen "EnNadha"-Patei gelenkt wird. Nach dieser Theorie wäre der Anschlag eine Warnung an diejenigen, die Licht in das Dunkel dieser Vorwürfe bringen wollen.


Nach meinem persönlichen Eindruck hat bei dem Anschlag die Politik oder Religion eine kleinere Rolle gespielt und taugt höchstens zur Rechtfertigung, maßgeblich war wohl eher ein Rachemotiv wegen des Todes eines jungen Mannes bei einer Zollrazzia eine Woche zuvor.
Beim Stand des Schmugglerwesens, des Schwarzhandels und der Korruption in Tunesien und der erheblichen Bedeutung dieser Faktoren auf das Wirtschafts- und Sozialleben in Tunesien dürfte es auch für die Zukunft zu erwarten sein, daß es zu wechselseitigen gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen dem Sicherheitsapparat des Staates und kriminellen und extrem-religiösen Gruppen und Personen, wobei diese Akteure teilweise auch noch untereinander verbunden sind, kommen wird.
Der tunesische Staat kämpft seit mittlerweile 8 Jahren im Gebiet des Berges Chaambi (bei Kasserine) und an der libyschen Grenze, sowie im Norden Tunesiens gegen Schmuggler und/oder religiöse Gruppen und wöchentlich kommt es dabei zu Todesopfer auf beiden Seiten, Änderungen sind auf absehbare Zeit unwahrscheinlich.
Gelegentliche Schlagabtausche auch außerhalb dieser Gebiete stellen da nur eine Facette der größeren Auseinandersetzung bzw. des grundlegenden Problemes dar und werfen nicht mehr als ein Schlaglicht auf die allgemeine Sicherheitslage.

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