Ursachen der Knappheit von Gütern in Tunesien

Aktuelle Informationen zur Wirtschaft in Tunesien
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Rolf
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Ursachen der Knappheit von Gütern in Tunesien

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In tunesischen Läden fehlen mittlerweile, zeitweise oder sogar meistens, eine Vielzahl von Gütern, auch des täglichen Bedarfes, beispielsweise Kaffee, Mehl, Butter, Milch und Benzin.

Das hat mehrere Gründe. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, nenne ich nachstehend die meisten:

Bei Importwaren liegt der Grund darin, dass fast kein Händler mehr Artikel an die tunesischen Staatsbetriebe verkauft, es sei denn, er bekommt sein Geld im Voraus ... oft, weil ihm die tunesischen Staatsbetriebe noch Geld aus früheren Lieferungen schulden. Gerade subventionierte Waren werden zentral von staatlichen Unternehmen gekauft, um sie zu Festpreisen zu verteilen, wie z.B. Treibstoff. Vor der tunesischen Küste befinden sich etwa derzeit Tankschiffe, die aber jeweils erst entladen werden, wenn der Preis im Voraus bezahlt wird. Mit anderen Worten: keine Zahlung -> kein Entladen -> kein Kraftstoff zur Verteilung verfügbar -> kein Kraftstoff im Geschäft.


Dann kommt natürlich noch ein globales Ressourcenproblem hinzu, z.B. beim Weizen, den Tunesien zwar selbst produziert, aber nicht in ausreichender Menge. Ressourcenknappheit lässt den Preis steigen und steigende Transportpreise (z. B. für Kraftstoff) lassen die Preise noch weiter steigen. Ein höherer Preis bedeutet eine höhere Zahlung, aber für staatliche Unternehmen, die kein oder nur wenig Geld haben, hält ein Händler möglicherweise nicht an und verkauft die Ware lieber woanders (Weizen z.B. nach Ägypten). Aber nicht nur Weizen ist selten und teuer geworden, auch andere Güter wie Holz (einschließlich Papier), Metalle und dergleichen sind jetzt viel teurer als früher.


Dass Lebensmittel, die im Land angebaut werden, knapp werden, hat im Wesentlichen zwei Gründe. Einer davon ist, dass die Produzenten ihre Entschädigungen nicht vom Staat erhalten haben, z.B. für Bäckereien und Kuhbauern, die beide die letzten 12 Monate auf das Ausgleichsgeld warten. Kein Geld erhalten -> kein Geld, um Lebensmittel und Dünger oder andere benötigte Güter zu kaufen -> es findet keine oder nur eine geringe Produktion statt -> wenige Waren im Geschäft.
Tatsächlich haben einige Bauern bereits ihre Herden verkauft oder geschlachtet, einige sogar (illegal) an Schmuggler verkauft, die sie in die Nachbarländer exportieren.

Der zweite Grund bei Lebensmitteln ist, dass sich Lagerhäuser weigern, Vorräte zu kaufen, weil in den letzten Monaten Lagerhäuser von der Polizei durchsucht und der Inhalt beschlagnahmt wurde (sogar, wenn sie legal operierten). Nun wollen Lagerbesitzer, verständlicherweise, dieses Risiko nicht mehr eingehen und halten nur noch kleine Bestände vorrätig. Kleine Lagerbestände können die Nachfrage nicht befriedigen -> nicht genug Waren für die Verbraucher im Geschäft.
Beim Zucker kommt noch ein weiterer Grund hinzu, denn die Zuckerfabrik in Beja ist seit über einem Monat außer Betrieb, weil einige Maschinen kaputt gegangen sind und sie sich keine Ersatzteile leisten kann (die Firma ist wohl auch im Staatsbesitz...) . Doch selbst wenn sie arbeiteten, gibt es keinen Zucker zu kaufen, und einige Zuckerunternehmen haben nunmehr den Staat gebeten, ihnen zu erlauben, Zucker auf den Weltmärkten zu kaufen.

Das CocaCola-Werk in Tunesien ist wegen Zuckermangels seit über einer Woche geschlossen, gleiches gilt für einige Keksproduzenten.
Zumindest für die nächste Zukunft sind allerdings jetzt etwa 50 Lastwagen mit Zucker aus Algerien unterwegs/eingetroffen, um in Tunesien verteilt zu werden, aber es wird nicht mehr als ein Tropfen auf einem heißen Stein sein.


Dann gibt es das Verteilungsproblem. Subventionierte Waren werden zentral verteilt, und es scheint, dass in diesem Jahr nicht berücksichtigt wurde, dass sie in den touristischen Regionen von bestimmten Waren mehr benötigen wird, als in nicht touristischen Regionen. Dadurch fehlt es gerade in diesen Regionen an solchen Gütern.


Und schließlich: Waren, die in Tunesien produziert werden, werden seit jeher illegal in die Nachbarländer exportiert (alias geschmuggelt). Dies geschieht bis heute und verschärft den Warenmangel, oder sagen wir besser: das Vorhandensein von Waren zu akzeptablen Preisen, in Tunesien.


Das alles wird weitergehen und sogar noch schlimmer werden – solange der Präsident keine Einigung mit dem Internationalen Geldfonds (IWF) findet, den er um ein paar Milliarden gebeten hat (und andere Kreditgeberländer werden beobachten, was der IWF entscheidet) - oder, noch besser, dessen Zahlungen bereits im Finazbudget für dieses Jahr eingerechnet worden waren. Um eine solche Einigung zu erzielen, muss er jedoch, und das ist eine IWF-Bedingung, wichtige Akteure in Tunesien in seinem Boot haben, namentlich die Gewerkschaften, die derzeit noch sein Angebot ablehnen, den Mindestlohn NICHT zu erhöhen und die Löhne für die Staatsbediensteten NICHT zu erhöhen - denn vergessen wir nicht: die Inflation in Tunesien liegt bei etwa 8 % und steigt weiter, so dass Arbeitnehmer ohne Inflationsausgleich effektiv Geld verlieren, während ein System der sozialen Sicherheit nur teilweise vorhanden ist und die sinkende Kaufkraft nicht auffangen kann.


Gleichzeitig verprellt der Präsident andere Länder, z.B. als er offiziell einen Vertreter der Polisario empfing, die von Marokko als terroristische Organisation angesehen wird - und das fand Marokko natürlich gar nicht gut und berief erst einmal seinen Botschafter aus Tunesien ab. Oder indem der Präsident darauf besteht, dass andere Länder oder Organisationen anderer Länder zu Tunesien schweigen sollen (unter Bezugnahme auf Kommentare zur Demokratie und Legitimität der neuen Verfassung, z. B. von den USA und der EU) - weil Tunesien, wie er stets betont, sehr unabhängig ist.

Die finanziellen Probleme des Landes sind kein einmaliges Ereignis, sie werden sich noch über Jahre hinziehen, und wenn Tunesien keine ständigen Spender, Kreditgeber oder die buchstäblichen Goldtöpfe findet, wird sich die Situation weiter verschlechtern. Und die Probleme kommen ja auch nicht unvorhergesehen, (man beachte meine früheren Kommentare zur Wirtschaft in Tunesien).

Was den Ausblick auf die Zukunft betrifft - was soll man da sagen ... die Tunesier mögen ihren Präsidenten und haben ihn nach seinem Putsch ja vor wenigen Wochen bestätigt, und das Land ist völlig unabhängig - also müssen sie sich selbst damit auseinandersetzen, was daraus wird, so wie wir uns mit unseren eigenen Regierungen und unseren eigenen Problemen auseinandersetzen müssen.

Meine Hoffnung ist es, dass, wie immer es auch weitergehen wird, es für die Bürgerinnen und Bürger ein positives und reibungsloses Ergebnis haben wird - aber selbst im allerbesten Fall wird es noch ein harter, langer und kurvenreicher Weg für sie sein.
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Rolf
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Re: Ursachen der Knappheit von Gütern in Tunesien

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Nachtrag: Gester haben sich die Regierung die große Gewerkschaft UGTT auf Gehaltserhöhungen in der Größenordnung von 3,5% (und Erhöhung Mindestlohn um 7% ab Oktober) geeinigt - was noch wesentlich unter dem Inflationswert liegt. Der Präsident einer anderen Gewerkschaft merkte bereits an, daß die soziale Krise durch eine Erhöhung der Gehälter in dieser Größenordnung nicht beseitigt werden kann (ohne Kredite wäre das allerdings noch weniger möglich...).
Es gibt allerdings auch Kritik an dem Abschluß in anderer Hinsicht, so wird z.B. kritisiert, daß zunächst die Wirtschaft "neu gestartet" werden müssen, bevor es Erhöhungen der Gehälter geben kann - was viele Tunesier, die sich von ihrem Gehalt derzeit wortwörtlich nicht mehr genug zu essen kaufen können, eher nicht so sehen.

Immerhin kann dieses Ergebnis nun dem IWF vorgelegt werden, und es erhöht die Chance, von dort die erhofften Kredite zu erhalten.
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Rolf
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Re: Ursachen der Knappheit von Gütern in Tunesien

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Nach dem Eintreffen von Zucker aus Algerien und Indien konnte nun die Produktion von Coca-Cola, Fruchtgetränken und Kekesen wieder aufgenommen werden, so daß sich der Mangel an diesen Produkten in Tunesien verringern sollte.
Melanie
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Re: Ursachen der Knappheit von Gütern in Tunesien

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In 3 Wochen fliegen wir zum wiederholten Mal zum Kameltrekking nach Tunesien. Wir würden gerne jeder je ein Kilo Mehl und Zucker mitnehmen. Das sollte doch keine Probleme beim Zoll geben, oder?

Danke und VG
Melanie
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Rolf
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Re: Ursachen der Knappheit von Gütern in Tunesien

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Nein, das sollte kein Problem darstellen. :-)